Was ein Weidetier zurücklässt, ist kein wertloser Rest. Frischer Dung ist eine konzentrierte Ressource, die von Käfern, Fliegen, Mikroorganismen und Pilzen genutzt wird – und damit Teil eines größeren Nahrungsnetzes ist.
Wer lebt im Dung?
Verschiedene Käfer- und Fliegenarten kommen oft schon kurz nach der Ablage. Manche Arten leben oder entwickeln sich direkt im Dung, andere graben darunter Gänge und bringen Dung in den Boden. Die Gemeinschaft verändert sich mit Alter und Feuchtigkeit des Dunghaufens, der Jahreszeit und der Tierart, von der er stammt.

Eine Zahl mit Kontext
Wie viel Leben steckt in 1 Kilogramm Dung?
Schon ein einzelner Rinderfladen kann von sehr vielen Gliederfüßern genutzt werden. Eine Feldstudie mit standardisierten 1-kg-Rinderfladen fand im Mittel etwa 486 bis 550 Gliederfüßer pro Fladen. Die zu den Probenahmezeitpunkten gemessene Arthropodenbiomasse lag – je nach Jahreszeit – bei ungefähr 0,15 bis 0,36 Gramm pro Kilogramm Dung.
Wichtig: Das ist keine feste Umrechnungsregel und nicht die gesamte über Wochen erzeugte Insektenbiomasse. Besiedlung und Biomasse hängen unter anderem von Jahreszeit, Witterung, Dungalter, Standort, vorhandener Fauna und Tierarzneimitteln ab.
Vom Gras zum Boden – und wieder zurück
Das Rind nimmt Pflanzenmaterial auf und gibt einen Teil der enthaltenen Nährstoffe über Kot und Urin wieder an die Fläche zurück. Dungbewohner zerkleinern, nutzen und verlagern organisches Material. So wird der Dunghaufen zu einer Schnittstelle zwischen Pflanzenfresser, Insekten, Bodenorganismen und Vegetation.
Dungkäfer als Ökosystemingenieure
Durch Fressen, Zerkleinern, Vergraben und Verlagern von Dung können Dungkäfer den Abbau beschleunigen, Nährstoffe verteilen und Bodenprozesse beeinflussen. Solche Wirkungen sind gut dokumentiert, ihre Stärke ist aber abhängig von Artengemeinschaft, Boden, Witterung und Beweidungssystem.
Vom Kuhfladen zum Nahrungsnetz
Dungbewohnende Insekten werden selbst zur Nahrung. Damit verbindet der Dunghaufen Weidetier, Zersetzer und räuberische oder insektenfressende Tiere. Gerade in extensiven Weidelandschaften lohnt es sich deshalb, Dung nicht nur als Nährstoffquelle, sondern als kurzlebigen Lebensraum zu betrachten.
Antiparasitika – Tiergesundheit und Dungfauna zusammendenken
Rückstände bestimmter Wirkstoffe gegen Parasiten können über den Kot ausgeschieden werden und Nichtzielorganismen im Dung beeinträchtigen. Untersuchungen zeigen beispielsweise Veränderungen der Vielfalt und funktionellen Zusammensetzung von Dungkäfergemeinschaften bei anhaltendem Einsatz bestimmter Wirkstoffgruppen. Daraus folgt nicht, notwendige tiermedizinische Behandlung zu unterlassen: Tiergesundheit hat Priorität. Sinnvoll ist ein fachlich begründeter, gezielter Einsatz in Abstimmung mit tierärztlicher Betreuung.
Dung braucht Zeit
Die Besiedlung beginnt häufig früh, während Abbau und Verlagerung über längere Zeit weiterlaufen. Wie schnell ein Fladen zerfällt, hängt unter anderem von Temperatur, Feuchtigkeit, Jahreszeit, Boden und der vorhandenen Dungfauna ab. Deshalb verwenden wir bewusst keine starre Tageszahl für den vollständigen Abbau.
Naturschutzbeweidung endet nicht beim Weidetier.
Quellen & weiterführende Informationen
- Review: coprophage Insekten und Weidetierhaltung
- Review: Dungkäfer und Ökosystemleistungen (2024)
- Biological Conservation: Ecological functions and ecosystem services provided by dung beetles
- Veterinary Parasitology: Dung beetles and free-living stages of ruminant parasites (2024)
- Review: Makrozyklische Laktone und dungbewohnende Insekten
- Agriculture, Ecosystems & Environment: Antiparasitika, Dungfauna und Abbau
- Science of the Total Environment: Reduced ivermectin in targeted treatment (2024)
- BfN: Veterinärmedizinische Aspekte halboffener Weidelandschaften
